Walter-Serner-Preis 2013

Das kulturradio vom rbb und das Literaturhaus Berlin vergeben den Walter-Serner-Preis in diesem Jahr an die Hildesheimer Autorin Moira Frank.

Moira Franks Kurzgeschichte »Unter Wasser« überzeugte die Jury, weil sie mit sprachlicher Präzision eine Immigrantenwirklichkeit in Deutschland abbildet und dabei gleichzeitig mit virtuoser Reduktion Sentimentalitäten vermeidet. »Unter Wasser« erzählt auf ruhige Weise von den Herausforderungen des Lebens in den großen Städten, aber auch von der Kraft, sich diesen Herausforderungen zu stellen.

Moira Frank wurde 1993 in Wedel bei Hamburg geboren und ist in Niedersachsen aufgewachsen. Seit 2011 studiert sie in Hildesheim Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus. Sie hat in diversen Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht (u.a. in BELLA triste 34) und war zweifache Bundespreisträgerin des Treffens junger Autoren der Berliner Festspiele (2009 und 2011). Sie schreibt Kurzprosa und überarbeitet derzeit ihren ersten Jugendroman, der 1982 in den USA spielt.

2013 gingen 780 gültige Bewerbungen für den Walter-Serner-Preis ein. Zu den drei Finalisten zählen auch Monique Schwitter, geboren 1972 in Zürich, und das Autorenduo Karr & Wehner.

Der Walter-Serner-Preis (Motto: »Vom Leben in den großen Städten«) ist mit 5.000 Euro dotiert und wird jährlich vom kulturradio vom rbb und dem Literaturhaus Berlin vergeben.

Gastjuror 2013 war der Schriftsteller Michael Wildenhain, der bei der Preisverleihung am 10. Dezember 2013 im Literaturhaus Berlin auch die Laudatio halten wird

Am Nachmittag des 10. Dezembers ist im kulturradio um 16:10 Uhr ein Gespräch mit der Gewinnerin zu hören. Am Samstag, den 14. Dezember sendet kulturradio vom rbb den Siegertext und einen weiteren Text der Autorin in der Sendereihe »Kulturtermin Literatur« um 19:04 Uhr.


Walter Serner
wurde 1889 in Karlsbad geboren und lebte unter anderem in Wien, Berlin und Zürich. 1942 wurde er aus Prag nach Theresienstadt deportiert und von dort weiter nach Osten, wo er nach neuen Erkenntnissen am 23. August 1942 mit seiner Frau Dorothea ermordet wurde.

 

 

Lesen Sie hier den prämierten Text von Moira Frank »Unter Wasser«


Moira Frank »Unter Wasser«

In Obninsk ist es um diese Jahreszeit kalt und windig, es zieht vom Moskauer Netz im Nordosten. Im November frieren die Gewässer zu. In den deutschen Straßen fällt noch das Laub. Das Kind hat den Schal aus dem Koffer gepackt und ihn bis über den Mund geschoben. Es öffnet das Fenster, stützt den Oberkörper in den Rahmen und beobachtet die Bahn, die auf gerader Strecke die lange, erleuchtete Straße hinabfährt. Es muss den Kopf nach links drehen, um die Haltestelle sehen zu können. Ein kalter Wind weht nach oben. An den Hauswänden türmen sich gelbe Säcke mit Müll. Als das Kind den Kopf zurückzieht, sind seine Wangen gerötet. Über dem Kragen seines Pullovers kräuselt sich das Haar.
Leonid wickelt die zwei Hamburger aus, die das Kind bei einem Imbiss gegenüber gekauft hat, und setzt sich mit dem Kind aufs Bett. Das Zimmer riecht nach altem Sperrholz. In den Wänden ist es laut. Wenn Leonid und das Kind still sind, können sie Türen schlagen und polternde Schritte im Treppenhaus hören.
Während das Kind isst, schaltet Leonid den kleinen Fernseher ein. Er findet einen Sender, der einen Zeichentrickfilm zeigt, in dem ein kleiner Junge und ein riesiger Roboter die Hauptrollen spielen. Leonid gibt dem Kind, das hingerissen auf dem Boden vor dem Fußende des Betts sitzt und zusieht, die Tablettendose und schenkt ihm die Hälfte seiner Coladose in einen der Zahnputzbecher aus dem Bad, die in Plastik eingepackt sind. Leonid kann das Kind lachen hören, während er sich unter der Dusche wäscht. In den Ecken und um das winzige Fenster zum Innenhof schimmelt es.

Leonid kauft in Plastikschüsseln eingeschweißte Salate mit Tomaten, Mais und abgepackter Soße, eine Packung runder Kekse und Chlor. Das Etikett auf der Plastikflasche ist das einzige, das auf Russisch übersetzt ist. Der junge Mann an der Kasse sagt etwas auf Deutsch zu ihm, das Leonid nicht versteht und nicht erraten kann. I am sorry, sagt Leonid, ohne aufzusehen, und lässt sich das Wechselgeld zurückgeben. Auf dem Rückweg steigt er in die Straßenbahn. Er versucht, ein Ticket am Automaten zu lösen, schafft es aber nicht, im Menü den richtigen Tarif auszuwählen. An der nächsten Haltestelle steigt er rasch aus und geht zu Fuß die lange Straße hinab.
In der Wohnung reibt Leonid den Schimmel mit Chlor von der Wand. Bis ins Schlafzimmer riecht es wie im alten Bad, wo das Kind Dienstags Schwimmen gelernt hat, im Sportbeutel ein Handtuch, einen Badeanzug und eine Dose mit Gurkenscheiben und einem Wurstbrot. Leonid wäscht sich die juckenden, geröteten Hände, räumt das Bad auf, stellt die Salatschalen auf den Tisch und verlässt das Zimmer. Auf dem Gang steht ein Mädchen mit rot unterlaufenen Augen. Es ist vierzehn oder fünfzehn. Es trägt eine glänzende schwarze Jacke, die aussieht, als wäre sie aus Plastik, und große, runde Ohrringe. Einer liegt schräg auf dem Kragen des Anoraks auf. Auf seinen geöffneten Lippen glänzt Speichel. Leonid bleibt neben ihm stehen. Das Mädchen riecht unangenehm. Seine Zunge ist hinter die Zähne gedrückt. Leonid streckt die Hand aus und bewegt sie ein Stück vorm Gesicht des Mädchens. Es blinzelt und sagt nichts. Über ihnen knallt eine Tür. Leonid zuckt zusammen.
Can I help you, sagt er. Als das Mädchen nicht reagiert, geht er endlich weiter. Unten dreht er sich noch einmal um. Das Mädchen wippt auf den Fersen seiner Turnschuhe.

Das Kind schläft, die Beine ausgestreckt, den Körper über die Sitze gespannt. Leonid setzt sich zu ihm. Die Flure sind leer. Der Mann an der Rezeption blättert in einer Zeitschrift. Es riecht nach dem chemischen Lack, mit dem Leonid in Obninsk fertige Anstriche überzogen hat, und verkochtem Kantineessen. Eine Weile sitzt Leonid bei dem schlafenden Kind und wartet, dass jemand zu ihnen kommt, aber den Wachmann spricht er nicht an. Irgendwann setzt das Kind sich auf und reibt sich die Augen. Auf dem Heimweg nickt sein Kopf ständig auf die Brust.
Sie setzen sich zum Essen aufs Bett. Das Kind schiebt mit der Gabel die Tomaten durch die am Plastikboden hafteten Ränder Soße und plappert. Ein Stück Salat klebt ihm im Mundwinkel. Leonid lächelt. Das Kind geht zuerst ins Bad und putzt sich die Zähne. Die Cola steht noch immer auf dem Fernsehtisch. Der Sender von gestern zeigt heute einen Spielfilm. Leonid versteht kein Wort, aber das Kind lacht, während Leonid die Plastikschüsseln vom Bett räumt. Er geht zurück ins Bad und reibt mit dem Chlorlappen über den sich ablösenden Schimmel. Zwischendurch wäscht er die schwarzen Rückstände aus dem Lappen. Als er mit dem Stück überm Fenster fast fertig ist, fängt das Kind im Schlafzimmer an zu schreien. Leonid lässt den Lappen ins Waschbecken fallen.
Das Kind liegt auf dem Rücken auf dem alten Teppich. Es drückt sich mit beiden Händen gegen die Brust und schnappt in großen Schlucken nach Luft. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt, seine Beine zucken. Die Cola hat sich schäumend über den Teppich ergossen. Leonid hebt das Kind auf. Seine zuckenden Beine sind nass und heiß vom Urin. Seine Brust wölbt sich in kräftigen Stößen. Leonid legt das Kind aufs Bett. Dem Kind tritt Speichel aus dem Mund. Sein Gesicht ist rot. Leonid hält seinen Kopf. Das Kind stößt mit dem Fuß an den Nachtisch. Die Lampe fällt herunter.

In Obninsk streicht Leonid den Dachstuhl blau. Die Streifentürme des Kernkraftwerks ragen hinter den Wäldern auf. Leonid macht Pausen, um eins und um vier. Er setzt sich auf die Stufen vor dem Stadthaus. Der Himmel ist noch blauer als der Dachstuhl und völlig leer. Kein einziger Vogel fliegt darin. Nach einer Viertelstunde arbeitet Leonid weiter. Nach drei Tagen steigt Leonid mit Farben und Malerzeug aufs Dach. Von oben kann er bis zum Park sehen. In einem Baum nah am Haus brütet eine Taube. Als Leonid am dritten Tag um eins seine Mittagspause macht, setzt er sich ganz außen auf den Dachfirst und sieht ihr zu, wie sie sich von ihrem Nest erhebt, die Flügel spreizt und faltet und sich wieder niederlässt. Es riecht stechend nach Farbe. Leonid isst das Brot, das das Kind ihm gemacht hat. Es hat es mit Sprossen belegt, die es aus kleinen, harten Samen in seiner Brotbox gezogen hat. Nach zwei Tagen beginnt es zu regnen, aber Leonid ist fertig mit dem Dach.
Die Magistrale Nr. 3 Ukraina liegt ausgestorben. Die riesigen Wohnkomplexe der Stadt sind vom Regen weiß. Der Wald ist dunkel, die gestreiften Türme des weltweit ersten Kernreaktors ragen über die Landschaft. Das Haus mit dem blauen Dach leuchtet.

Das Haar des Kindes liegt übers Kissen gebreitet. Seine Hände sind verpflastert, aber es lächelt. Die Schwester schließt den Kittel über seiner weißen Brust. Leonid streckt die Hand aus, lehnt sich vor und streicht dem Kind übers Haar. Die Schwester sagt etwas auf Deutsch. I am sorry, sagt Leonid.
No, sagt die Schwester. You need to go out.
How will she be, sagt Leonid. Die Schwester starrt ihn an. What hour?
Das Kind sagt etwas auf Deutsch zu der Schwester. Sie richtet sich ein wenig auf. Statt dem Kind zu antworten, sagt sie zu Leonid: You wait. You can come back in the evening when she wakes up. Do you understand what I say?
Yes. I am sorry, wiederholt Leonid. Er nimmt seinen Mantel und geht aus dem Zimmer. Er wartet vorn im Flur auf den Plastiksitzen, bis die Schwester das Rollbett hinausschiebt. Leonid hebt die Hand und macht eine kleine heimliche Geste. Das Kind schiebt die Hand unter der Decke hervor und winkt zurück.

Leonid setzt sich in die Straßenbahn. Er lehnt den Kopf an die Fensterscheibe, die zu beschlagen beginnt. Seine Hände liegen im Schoß. Sein Körper ist schwer. Er schließt die Augen.
Er träumt, dass am Ende der Brücke über die Protwa ein Auto durchs Brückengeländer bricht. Das Krachen ist so laut, dass es hunderte Meter weit zu hören ist. Eine halbe Sekunde fliegt der Wagen, dann neigt er sich zum Wasser. Leonid steht am aufgerissenen Geländer. Unter ihm bauscht sich weiß der Fluss. Um ihn herum ist es ganz still. Da springt er.
Leonid ist weit unter der strudelnden Oberfläche. Die Protwa, in der er als Kind am Rand gemähter Wiesen und schattenwerfender Bäume geangelt hat, ist hunderte und aberhunderte Meter tief. Da ist die träge Strömung des Flusses. Ein bohrender Druck legt sich auf seine Schläfen. Um ihn herum ist alles schwarz. Er kann das Leuchten der eigenen Hände sehen und nichts sonst. Ein Strom winziger, tausender Bläschen hüllt ihn ein. Um ihn herum wirbelt es. Leonid ist so tief getaucht, dass er nicht mehr weiß, wo oben ist. Seine arbeitende Hände im schwarzen Wasser leuchten.

Leonid wacht an der letzten Haltestelle auf. Draußen ist es kalt und dunkel. An den Scheiben gleiten feine weiße Flecken vorbei. Leonids Nacken und Rücken sind taub, das Fenster beschlagen vor Wärme. Er setzt sich auf und merkt, dass er friert. Die Straßenbahn steht. Das Getriebe ist aus, nur Licht und Klimaanlage laufen noch. Er blinzelt. Die Türen stehen offen, der Fahrer ist ausgestiegen, steht allein im fallenden Schnee, der auf dem Boden schmilzt, statt liegenzubleiben, und raucht. Eine Frau sitzt vorn auf einem der Sitze und hört Musik. Sie und Leonid sind die letzten Fahrgäste.
Leonid sieht auf die Uhr. Es ist fast elf Uhr nachts. Seine Hände jucken vom Chlor. Er steht auf und geht nach draußen.
I am sorry, sagt Leonid. Der Fahrer sieht auf. Er zieht an seiner Zigarette und bläst Rauch und Atem in die kalte Luft. Auf seiner Uniformjacke bleibt der Schnee eine Weile liegen. I sleep.
Der Fahrer nickt und zeigt auf die Anzeige außen an der Bahn. No problem. We drive the same way back. Where is your stop?
Hospital, sagt Leonid. Please.
Der Fahrer nickt. We will be there around midnight. Do you need to call someone?
What?
Do you need a phone? Er macht eine Geste mit der Hand an sein Ohr. Leonid schüttelt den Kopf. Thank you. I wait.
In five minutes, sagt der Fahrer mit einem Blick auf die Uhr. Leonid steigt zurück in die Bahn und setzt sich auf seinen Platz, diesmal zum Gang. Seine Hände zittern. Der Fahrer wirft seine Zigarette unter die Bahn, nachdem er sich umgesehen hat, dann steigt er wieder ein. Es schneit nicht mehr. Ein feiner blasser Film liegt außen an den Fenstern. Leonid denkt an die zugefrorene Protwa. Die Straßenbahn bebt, ächzt und springt an. Der Boden erzittert. Die Türen schließen. Leonid fällt ein, dass er vergessen hat, ein Ticket zu kaufen.